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JAZZ PODIUM

EXTRA · 2/95

CHICO HAMILTON DANCING TO A DIFFERENT DRUMMER


CD Soul Note 121291-2 (BISS)/Filmkritik

"Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wird angenommen, dass Musik die universelle Sprache des Menschen sei. Und zwar der melodische Teil der Musik, wie Lieder und so weiter. Das ist nicht ganz richtig. Die universille Sprache der Menschen ist der Herzschlag. Der Herzschlag is der Beat, den wir alle horen. Er ist allen gemeinsam. Der Beat erzeugt einen Rhythmus, ein Rhythmus-Schema. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus- seinen Puls. Also, die wahre universelle Sprache der Menschen ist fur mich der Beat!" Chico hamilton spricht diese Worte, und sie klingen wie ein Vermachtnis. "Universal Language of Man: hat der 73 jahrige seine Rede uberschreiben, die als eigener Cut auf seiner aktuellen Solo-CD "Dancing To A Different Drummer" zu horen ist und auch den gleichnamigen Dokumentarfilm uber eines der vielleicht grossten Phanomene der modernen Musik eroffnet. Nur Chicos markante Stimme, kein Sound oder Effekt stort die besondrere Idylle. Im Film sieht man aufreizend langsam ein komplettes Drum-Set von den Pedalen uber die Stander, den Hocker die Bass-Drum, die Snare, die Hi-Hat- die Welt des Mannes, der mit 13 in Los Angeles einen Band mit Charles Mingus und Dexter Gordon grundete, die "Al Adams" heiss, der in Count Basies und Duke Ellingtons grossen Orchestern den Takt angab, dem legendaren Gerry Mulligan Quartet Profil verlieh, selbst ein bahnbrechendes Ensemble mit Buddy Collette und spater Eric Dolphy ins Leben rief, in den 80er Jahren den Begriff "Heavy metal Jazz" kreierte, ganze Heerscharen von Schlagzeugern inspirierte und sich auch heute noch unablassig und mit fast kindlicher Freude auf der Suche nach unentdeckter Musik befindet.

Die Satze des Mannes, den der Pianist Andrew Hill beim Interview einen "Griot" nennt, der sein Wissen auf den Drums von Generation zu Generation weitertragt, brennen sich unausloschlich ins Gehirn. Wie gut, dass der in Paris lebende deutsche Filmemacher Julian Benedikt seine tiefe Zuneigung fur Chico Hamilton in einen der wohl bemerkenswertesten Jazz-Dokumnetarfilme der vergandenen Dekaden kanalisiert hat. Zwei Jahre lang folgte Benedikt den Spuren des alterslosen Energiebundels, war bei Konzerten, privaten Begegnungen und den Aufnahmen zu "Dancing To A Different Drummer" im Master-Sound-Studio in Astoria sowie der Session mit Andrew Hill dabei (die unter dem Arbeitstitel "When Dreams Come True" veroffentlicht werden soll), sprach mit Freunden, erlaubte einen ganz und gar nostalgiefreien Blick zuruck und beleuchtete vor allem die bemerkenswerten Philosophien eines der wirklich raren Musikgenies dieses Jahrhunderts. Das Strickmuster der 60 minutigen Fernsehfassung (im November erstmals im deutsch-franzosischen Kulturkanal "Arte" ausgestrahlt, 3-SAT will sich im Laufe dieses Jahres anschliessen, eine 90-Minuten-Kinoversion ist in Vorbereitung) verlauft nicht zuletzt wegen ihres ungewohnlichen Hauptdarstellers in erfrischend anderen Bahnen, als andere Produkte dieses Genres: kein schwarmerisch-unkritischer Musikfilm, keine penibel abgespulte, sterile Lebensgeschichte, keines der ublichen blutleeren Sprechblasen-Interviews. Auch wenn die Schnittfolge in den Anfangsminuten vermeintliche Verwirrung erzeugt, schafft es Benedikt gerade damit auf faszinierend einfache Weise, hinter das Gesicht eines rastlosen Unruhegeistes zu blickenm dessen Fundus an Ideen grenzenlos scheint und dessen Ansichten stellenweise die Qualitat eines Credos erlangen.

"Es geht nicht darum, Solos abzuliefernm, wie ein Roboter. Es geht ums Tanzen. Und dazu braucht man einenGroove. Man muss dabei mit den Fingern schnippen konnen", sind ein paar dieser Satze, "die junge Generation akzeptiert die Mittelmassigkeit, vor allem in der Kunst. Niemand will sich mehr fur den anderen einsetzen, und deswegen sind die Zeiten eben so, wie sie sind," andere. Doch Chico ist in "Dancing To A Different Drummer" weit davon entfernt, sich als das Mass aller Dinge darzustellen, obwohl ihm Gerry mulligan "ein Gefuhl fur das Dramatische in der Musik und einen Sinn fur die Show" attestiert und (man lese und staune!) Charlie Watts, der Drummer der Rolling Stones, ein offenes Bekenntnis zum ungekronten Konig des Besenspiels abliefert. Ohne ihn und den Titel "Walking Shoes" vom Gerry Mulligan Quartet ware er nie Schlagzeuger geworden. Das Drum-Set hat der Bar aus L.A., den seine Eltern Foreststorn tauften, zu keiner Zeit als Schiessbude empfunden: "Hau niemals in Wut auf Deinem Schlagzeug herum. Du musst es streicheln, als ware es Deine Frau". Es waren die vielschichtigen Klange, dieSchwingungen, die Dynamik der Felle und Becken, die ihn reizten: "Man darf nicht von Tonen gelangweilt werden, dann schaltet das Ohr ab. Das Ohr tut seltsame Dinge, wenn es gelangweilt ist. Wahlerisch! Das ist es. Das Ohr ist wahlerisch."

Vielleicht scheint Chico Hamilton gerade wegen dieser Erkenntnis unter all den vielen bedeutenden Jazzern am geeignetsten, um Filmmusik von dauerhaftem Wert zu schaffen. Seine Kompositionen besitzen eine fast schon visuelle Kraft, wie ihm der Regisseur Roman Polanski bescheinigt, fur den er den Psychothriller "Ekel" so markant untermalte, dass die Musik heute einen hoheren Bekanntheitsgrad geniesst, als der Streifen selbst. Hektische Laufe werden ausgespart, stattdessen gibt es lange, anhaltende Tone, die singen und fliessen. Wenn Hamiltons Band "Euphoria" in der Schlusssequenz beim Artpart-Jazzfestival in Buffalo im August 1994 den Titel "Sculpture" urauffuhrt, dann schneidet Regisseur die Live-Aufnahmen mit atemberaubendn Slow-Motion-Bildern der Niagara-Falle zusammen. Die Power der gelassenen Musik und der ruhigen Bilder lassen fast den Bildschirm bersten.

Wem die Musikausschnitte im Film Appetit auf mehr machen, der kann seine Begierde mit der CD voll und ganz stillen. Chico pur in Mehrspursystem entfuhrt wie ein trommelnder Rattenfanger in die Wunderwelt der tausend Rhythmen, und man registriert selbst nach dem 50. Abspielen des Silberlings noch voller Erstaunen, dass ausser Drums, Percussioninstrumenten, Gongs, Tamburinen und seiner Stimme kein anderes Instrument fur diesen unglaublichen Sound gesohrt hat! Wenn Hamilton in "In the Beginning" zu sanftem Beckenswing erzahlt, wie alles anfing, als er mit acht Jahren von seiner Mutter zu einem Konzert Duke Ellingtons mitgenommen wurde, so fallt es schwer, sich dem strahlenden Charisma zu entziehen. "Zum ersten Mal sah ich nicht nur ein Orchester. Hoch uber allen Musikern thronte er alleine: Sonny Greer. Noch nie hatte ich so etwas gesehen! Er hatte mehr Trommeln, als ein ganzer Tromelladen!...Seine Art zu speilen. Wie er die Band stauarte! Die Klange, die er erzeugte. Er war wohleiner der ersten wirklichen Percussionisten, kein Trommler, sondern einer, der Klange erfindet! Alles was er anfasste, wurde zum Klang und fugte sich wunderbar in Ellingtons Musik ein. Es liess mich nicht mehr los. Ich beschloss: das will ich werden."

In "Conquistadores Rides Again" strickt Chico mit loffelformigen Schlegeln eine folkloristische Weise uber einen Vier-Viertel-Beat, in "Tap Drums" erklart er zunachst augenzwinkernd, dass die Leute fruher auf den Fersen tanzten. "Dann kam ein Schwan herab un riss sie hoch und sie landeten auf den Zehenspitzen. Der erste Rhythmus und das erste Tempo waren der Charleston Beat". Ich wurde keine Wette wagen, ob es Besen oder ein echter Tap-Dancer sind, was im Anschluss an diese Worte uber sein Becken huscht. Mystisch wie Donnergrollen dann der "Dance Of The Tympanis", wahrend zu "All Those guys" der prickelnde Scat zur rollenden Snare jene typische elektrisierende Stimulanz erzeugt, die in den 40er Jahren ganze Massen bei Count Bassies Musik ins Taumeln brachte (nirgends hatte Chicos markantes Gesischt und der massige Korper im Film besser gepasst, als hier). Dass neben Sonny Greer auch Basies Lieblingstrommler Jo Jones mit siener bahnbrechenden gleichmassigen Legato-Gestaltung des Beats auf dem Hi-Hat und zum Teil auf dem grossen Becken den starksten Einfluss auf Chico Hamilton besass, dokumentiert dieser auf "Mr. Jo Jones", einem Sprechgesang mit eben jenen Ingredenzien, die heute als Naturgesetz des Swing gelten. Keine Kraftakte, sondern sensibel zelebrierte Anschlagskulturen- so klingen das dunkle "Cymbals Of Love" und der entruckte "Waltz Of The Mallets", wahrend die Sticks auf "The Snare Drum" zu einem Veitstanz anheben, der trotz aller horbaren Organisation durch und durch emotionale, manchmal gar ekstatische Zuge tragt.

Nicht nur die CD, sondem auch der Film wirken noch tage-, wochenlang in den Kopfen der Konsumenten nach. Unbewusste Gefule, die einen sonst nur nach dem Ableben eines Jazzmusickers beschleichen, gewinnen langsam Raum: hat Chico Hamilton jemals die ihm gebuhrende Wurdigung erfahren? Mit Julian Benedikts "Dancing To A Different Drummer" ist dies gottlob noch zu Lebzeiten und bei bester Gesundheit der Hauptperson gelungen. Wenn Chico dies nicht verdient hat, wer dann?

Reinhard Kochl

Reprinted by permission of Jazz Podium




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